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Alarmierende Stillraten in Tirol und Österreich

Daten Österreich und Tirol im Vergleich

Ein jüngst im „Journal of pediatric gastroenterology and nutrition“ unter dem Titel „Breastfeeding Duration – Early Weaning: Do We Sufficiently Consider the Risk Factors?“ erschiener Artikel zeigt, dass bestimmte Risikofaktoren für ein vorzeitiges Abstillen in der Vergangenheit vermutlich zu wenig berücksichtigt wurden. Unter anderem waren die Raten an nicht medizinisch indiziertem Zufüttern im Krankenhaus mit all den negativen Effekten auf das Stillmanagement lt. Studienautoren alarmierend hoch und widersprechen diesbezüglichen nationalen wie internationalen Empfehlungen. Auch aktuellere Daten zu den Stillraten weisen eher auf eine Verschlechterung in den letzten 10 Jahren hin.

Stillen ist weltweit die empfohlene Form der Ernährung für Säuglinge in den ersten 6 Monaten. (1,2) Jedoch wird dieses Ziel in den meisten Industrienationen, so auch in Österreich, nicht erreicht, wobei die letzten Österreich weiten Daten zur Säuglingsernährung aus dem Jahr 2006 stammen. (3)
In der nun von der Forschergruppe rund um Univ. Prof. Daniela Karall publizierten Studie wurden verschiedene Aspekte des Stillens und der Kleinkindernährung (Endpunkt 24 Monate) in einer Kohorte von 555 Mutter-Kind-Paaren (Geburtsdatum der Kinder zwischen Juni und Dezember 2009) im Bundesland Tirol im Rahmen einer offenen, prospektiven Multicenterstudie evaluiert und nun die Daten erstmals publiziert.(4)
Infografik Ergebnis der Studie
Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus wurden 71.3% der Babies voll und 11,9% teilgestillt. Der Vergleich der Daten aus Österreich 2006 und der nun vorliegenden Daten aus Tirol zeigte mit 16,9% eine im bundesweiten Vergleich hohe Rate an primär nicht stillenden Müttern.
Die durchschnittliche Gesamtstilldauer lag bei 6,93 Monaten, die für ausschließliches Stillen bei 5,62 Monaten. Mit 6 Monaten stillten nur noch 9.4% der Mütter ihre Babys ausschließlich, während die Rate an Teilstillen bei 39.5% lag. Erstmals in Österreich wurde in der vorliegenden Untersuchung auch die Stillraten jenseits des Säuglingsalters (< 12 Mo) untersucht und ergab mit 24 Monaten eine Stillrate von 3,2%.

Als Risikofaktoren für ein vorzeitiges Abstillen waren:
• Frühes Zufüttern in den ersten Tagen (OR 2.87, 95%CI 1.65-4.98)
• Gefühlter Milchmangel (OR 7.35, 95%CI 3.59-15.07)
• Geringe Selbstwirksamkeit in Bezug auf das Stillen (OR 3.42, 95% CI 1.48-7.94)
• Geringes mütterliches Alter (OR 3.89, 95% CI 1.45-10.46)
• Niedrigeres Bildungsniveau der Mutter (OR 7.30, 95% CI 2.93-18.20)

Alarmierende Zufütterungsraten in Tirols Krankenhäusern
61.7% der Neugeborenen wurden während der ersten Lebenstage im Krankenhaus zugefüttert – ein Faktum, das Studienautoren als alarmierend bezeichnen. Diese hohe Zufütterungsrate in den ersten Tagen ist umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass es sich bei allen Babys der untersuchten Kohorte um gesunde Neugeborene gehandelt hat und nur ca. 4,3% sg. Late-Preterm-Neugeborene (34-36 SSW) waren. Damit widersprachen diese Zufütterungspraktiken in den Krankenhäusern Tirols 2009 sämtlichen nationalen, wie internationalen Empfehlungen zu diesem Thema. (5-7)
Die negativen Effekte der nicht medizinisch indizierten Zufütterung auf Etablierung der Laktation sind unbestritten, da sie durch die irreversible, iatrogene Beschleunigung und Interaktion mit den Stoffwechselprozessen des gesunden Neugeborenen einerseits und das häufig in der Folge unzureichende Stillmanagement andererseits, das sensiblen Gleichgewicht zwischen Angebot an Muttermilch und kindlicher Nachfrage empfindlich stören. (8)

Hauptrisikofaktor „Gefühlter Milchmangel“
Damit wir letztendlich aus einem gefühlten Milchmangel – dem Hauptrisikofaktor für ein vorzeitiges Abstillen mit einer OR von 7,35 lt. der vorliegender Studie – und insbesondere bei inadäquater, nicht qualifizierter Nachbetreuung ein wahrer Milchmangel. Es zeigte sich, dass die Stilldauer bei den in den ersten Tagen zugefütterten Babys signifikant verkürzt war (durchschnittlich 5,06 Monate gegenüber 8,21 Monate, p < 0,001).

Selbstwirksamkeit Stillen
Eine geringe Selbstwirksamkeit in Bezug auf das Stillen – definiert als das Selbstbewusstsein von Müttern in die Fähigkeit, Ihre Babys adäquat zu ernähren – war in dieser, wie auch in anderen Untersuchungen, ein Hauptrisikofaktor mit einer OR von 3,42 für ein vorzeitiges Abstillen. Diese wird durch die medizinisch nicht indizierte Zufütterung jedoch verstärkt, wodurch bei nicht ausreichend qualifizierter Nachbetreuung eine Abwärtsspirale in Richtung vorzeitiges Abstillen in Gang gesetzt wird. Durch frühzeitige Identifikation dieser Müttern bspw. mittels eines psychometrischen Tests (BSBS) gefolgt von einem qualifizierten Beratungsangebot würde sich jedoch eine Chance bieten dem entgegenzuwirken und damit die Stillraten zu verbessern.

Schlussfolgerung und Handlungsempfehlung
Die Autoren der Studie kommen zur Schlussfolgerung, dass die empfohlene Dauer des ausschließlichen Stillens für 6 Monate somit auch in Tirol 2009 nicht erreicht wurde und sich ähnlich wie im übrigen deutsch sprachigen Raum die Stillraten seit ca. 20 Jahren nicht verbessert haben. Dabei spielen sowohl soziodemografische Variablen der Mütter (niedriges Alter und niedrigeres Bildungsniveau) wie auch Faktoren, die direkt mit Stillpraktiken zusammenhängen, eine wichtige Rolle. Die Resultate der vorliegenden Untersuchung unterstreichen die Notwendigkeit von mehr Bewusstsein in Richtung Krankenhauspraktiken und Stillförderung. Das Verständnis für die Risikofaktoren für ein vorzeitiges Abstillen könnte Möglichkeiten liefern, um Mütter besser beim Stillen zu unterstützen, um damit kurz und langfristigen Morbidität infolge frühen Abstillens zu vermeiden.
Eine Möglichkeit der Umsetzung der Empfehlungen zum Zufüttern in den klinischen Alltag mit einer messbaren Qualitätsverbesserung ergäbe sich durch die Beachtung der Kriterien babyfreundlicher Krankenhäuser in allen geburtshilflichen Abteilungen. Durch das auf 2011-2013 befristeten Roll-out von BFHI in Österreich konnte zwar die Anzahl zertifizierter Einrichtungen um 25 % gesteigert werden aber 2014 fanden nur ca. 16% der Geburten Österreichs in zertifizierten Abteilungen statt. (10)

Aktuelle Stillraten in Österreich
Inwieweit sich die die Stillraten Österreich weit seit 2006 wesentlich verbessert oder sogar verschlechtert haben bleibt vorerst noch offen.
Eine, wenn auch mit Vorsicht zu interpretierende, aber immerhin aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstituts meinungsraum.at im Auftrag von Milupa Österreich mit 400 Müttern in ganz Österreich zeigt, dass sich das Stillverhalten in den letzten 9 Jahren verschlechtert hat: Der Anteil jener Mütter, die gar nicht stillen hat sich seit 2006 von 6,8% auf 13% verdoppelt! Auch die Zahl jener Frauen, die bereits innerhalb der ersten 3 Lebensmonate ihres Babys abstillen ist tendenziell gestiegen (von 22,1% auf 25%).
Leider ist zu befürchten, dass die derzeit laufende „Stillevaluierung 2015/2016“ – ein Projekt durchgeführt vom Department für Ernährungswissenschaften (Universität Wien) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit – weder repräsentativ noch mit den früheren Untersuchungen aus Österreich vergleichbar sein wird. Dieses an sich begrüßenswerte Projekt verfolgt das Ziel  „aussagekräftige Daten zur IST-Situation“ zu erheben „damit Strategien, Maßnahmen und Projekte sinnvoll geplant, umgesetzt und hinsichtlich ihrer Wirkung evaluiert werden“ können. (10) Bedauerlicher Weise wurde das Projekt ohne die Einbindung von Spezialisten auf dem Gebiet Laktation (Verband der Still- und Laktationsberaterinnen Österreichs VSLÖ), der Säuglingsernährung (Ernährungskommission der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde ÖGKJ) oder der BFHI-Initiative initiiert und hat durch die Art der Rekrutierung, das gewählte Studiendesign und das Fehlen der Daten aus den Krankenhäusern ein nicht unerhebliches Biaspotential.
Das aktuelle unkoordiniert erscheinende Vorgehen in der Stillförderung in Österreich zeigt, dass die Einführung eines/-r Stillkoordinators/-in endlich in die Praxis umgesetzt werden sollte, wie dies bereits 2009 empfohlen wurde. (11)

Literatur:
(1) AAP 2012, Policy Statement: Breastfeeding and the Use of Human Milk. Pediatrics 2012; 129:3 e827-e841
(2) NEK Österreichische Stillempfehlung 2014 http://bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Ernaehrung/NEK/#f4
(3) Esberger, Säuglingsernährung Heute 2006, BMGF http://www.bmgfj.gv.at
(4) Karall et al, Breastfeeding Duration – Early Weaning: Do We Sufficiently Consider the Risk Factors? JPGN-2015-68; 1-8
(5) WHO-Empfehlung „Acceptable medical reasons for use of breast-milk substitutes“ (2009) http://www.who.int/maternal_child_adolescent/documents/WHO_FCH_CAH_09.01/en/
(6) ABM Clinical Protocol #3: Hospital Guidlines for the Use of Supplementary Feedings in the Healthy Term Breastfed Neonate, Revised 2009
(7) Haiden 2012, Zufüttern im Krankenhaus  beim gestillten reifen Neugeborenen  und späten Frühgeborenen – Konsensuspapier der Österreichischen  Ernährungskommission der Gesellschaft für   Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ). Monatsschr Kinderheilkd 2012 · 160:585–588 DOI 10.1007/s00112-012-2643-3 http://www.docs4you.at/Content.Node/Vorsorgemedizin/Ernaehrung/Zufuettern_im_Krankenhaus.pdf
(8) Chantry et al, In-Hospital Formula Use Increases Early Breastfeeding Cessation Among First-Time Mothers Intending to Exclusively Breastfeed. J Pediatr. 2014 Jun;164(6):1339-45
(9) Dietscher C., Wieczorek C.:Roll-out der „Baby-friendly Hospital Initiative“ in Österreich 2011–2013; Springer Verlag; May 2015; http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11553-015-0505-2#close

(10) Wieczorek et al, The bumpy road to implementing tue Baby-friendly Hospital Initiative in Austria: a qualitative study. International Breastfeeding Journal (2015) 10:3 DOI 10.1186/s13006-015-0030-0 http://www.internationalbreastfeedingjournal.com/content/10/1/3
(11) Mag.a Ariane Hitthaller, Mag.a Melanie Bruckmüller, Endbericht Bedarfsanalyse zur Einführung eines nationalen Stillkoordinatiors-in nach dem schottischen best practice Model 2009, REVAN www.richtigessenvonanfangan.at/…/Stillkoordinator_Endbericht.PDF

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